„Wer zu sich finden will, der muss sein Leben nicht zwangsläufig aufgeben, aber er wird es in Frage stellen müssen. Konsequent. In der Bereitschaft, sich von der Illusion zu verabschieden.“

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Der zu sein, der man ist, erfordert Mut.

21.12.2014

Der Weg zu sich selbst und ins Leben kann nur gelingen, wenn er auch tatsächlich gegangen wird

Kennen Sie die Geschichte vom Kristallwarenhändler aus dem Buch „Der Alchemist“ von Paulo Coelho?
Sie handelt von einem jungen Mann, der sich auf die Suche nach einem Schatz gemacht hat. Einmal musste er eine Pause einlegen, um sich Geld für die Weiterreise zu verdienen. Er fand eine Anstellung bei einem Kristallwarenhändler, wo er ein Jahr blieb, so lange bis er genügend Geld zusammen gespart hatte, um seine Reise fortsetzen zu können.

Am letzten Abend vor seiner Abreise saßen der Jüngling und der Kristallhändler unter dem sternenklaren Nachthimmel und nachdem die beiden eine Weile lang geschwiegen und ein wenig von dem guten Wein genossen hatten, fragte der Jüngling : „Und wann wirst du deinen Traum erfüllen und nach Mekka pilgern?“ Der alte Mann schwieg einen Moment und dann antwortete er: „Ich werde nicht nach Mekka pilgern.“
„Aber warum das nicht?“ fragte der Jüngling erstaunt. „ Als ich dich vor einem Jahr aufsuchte, klagtest du, wie gerne du dir deinen Traum erfüllen würdest, aber dass dir leider das Geld fehle, da dein Geschäft so schlecht liefe. Und nun sieh, was wir erreicht haben. Dein Geschäft floriert. Wir haben beide genug Geld, um unsere Träume zu erfüllen.“
Daraufhin antwortete der alte Mann: „Ich weiß, mein Geschäft lief noch nie so gut wie jetzt. Ich könnte wahrscheinlich drei Mal nach Mekka pilgern aber dennoch werde ich es nicht tun.“ Und als er den fragenden Blick des Jünglings auf sich ruhen spürte, sagte er:“Es gibt einen Unterschied zwischen uns: Du bist jemand, der lebt, um seinen Traum zu verwirklichen und ich“, sagte er und hielt einen Moment inne, „ich bin jemand, der sein Leben träumt.“

Sich selbst zu leben, tatsächlich zu leben – bleibt für viele nur ein Traum. Er bleibt für viele ein Traum, weil nur wenige bereit sind, sich auch tatsächlich auf den Weg zu machen. Die meisten bleiben entweder auf halber Strecke stehen oder träumen ihr ganzes Leben lang davon. Sie träumen ihr ganzes Leben lang davon, endlich sie selbst sein zu können, malen es sich in den schönsten Farben aus während sie sich heimlich und unbemerkt immer mehr aus dem Leben verabschieden und sich in den Strukturen einrichten, die sie eigentlich verlassen wollen.

„Das Leben geht weiter aber ich komme nicht voran“

klagte ein Mann Mitte 30, der aufgrund eines Burnouts in die Beratung kam. „Ich erledige meinen Job, der nichts für mich ist, habe meine privaten Kontakte, treffe mich mal hier und mal da mit Frauen, aber wenn ich darüber nachdenke, was bleibt, ist da nichts. Aber wo soll ich anfangen, etwas zu ändern? So schlecht geht es mir nun auch wieder nicht.“
„Letztendlich geht es mir doch wirklich gut“, sagte ein anderer, kurz vor dem Burnout stehender Geschäftsmann, der immer wieder seine fehlende Zeit beklagte. „Ich gehöre zu den zehn Prozent der Bestverdiener in Deutschland, was will ich mich beklagen?“
„Ich weiß, ich müsste mich eigentlich mit meiner Partnerschaft auseinandersetzen und eine Einstellung dazu finden, aber zuerst muss ich die Sache mit dem Job regeln und dann kann ich mir Gedanken über meine familiäre Situation machen“, sagte ein Geschäftsführer, der , wenn er von seiner Frau sprach, diese immer wieder seine Schwester nannte.
„Ob ich bereit bin, mir wirklich die Frage zu stellen, wo ich in acht Jahren stehe, wenn ich so weiter mache wie jetzt? Wahrscheinlich nicht – wahrscheinlich würde ich bei der Antwort mehr oder weniger zusammenbrechen. Aber was soll ich tun? So einfach meinen Job wechseln? Wissen Sie, ich halte es da wie mein Vater, der hat auch immer gesagt, es läuft sich schon alles zu Recht – und es hat sich auch zurecht gelaufen. Immer. Irgendwie“, sagte ein 40-jähriger Manager, der aufgrund einer Herz Kreislaufsymptomatik in die Behandlung kam und darüber klagte, dass er einen Job habe, der ihm so gar nicht entsprechen würde.
„Irgendwann, wenn die Kinder groß sind und das Unternehmen im sicheren Hafen ist, dann kann ich mir Zeit nehmen, darüber nachzudenken, ob ich das eigentlich tatsächlich bin, was ich da tue. Wer weiß, vielleicht verkaufe ich dann alles und fang nochmal ganz von vorne an“ sagte ein Unternehmer.

 

Der zu sein, der man ist, erfordert Mut


Die Suche nach der eigenen wahren Identität scheitert sehr häufig daran, dass Menschen gleichzeitig an dem, von dem sie irgendwo spüren, dass es eigentlich nicht (mehr) stimmt, um jeden Preis festhalten müssen. Auch wenn viele nicht glücklich sind, so fühlen sie sich vermeintlich sicher – sicher in dem Bekannten und Gewohnten. Die Angst ist zu groß, das Bekannte für das Unbekannte zu verlassen, in dem fehlenden Wissen, was echtes Glück eigentlich heißt und was für ein Glück wahre Identität bedeutet. Was für ein Glück es ist, wirklich zu leben…
Dies führt eben dazu, dass keine wirkliche Infragestellung des eigenen Lebens möglich ist.
Entweder werden bestimmte Bereiche ausgespart oder bestimmte Fragen sind ganz tabu oder werden durch eine vorweggenommene Bedingung nicht wirklich zugelassen: „Ich bin bereit, meine Partnerschaft zu reflektieren , aber ich darf mich nicht trennen“, „ich bin bereit mir meine berufliche Situation an zu schauen, aber ich muss meine Position behalten, weil ich mein Haus abbezahlen muss.“ „Ich bin bereit, mir alle Fragen zu stellen, aber es darf nicht herauskommen, dass...“

Wer sich wirklich finden will, der kann dies nur, wenn er sich auch tatsächlich auf die Suche nach sich macht und bereit ist, sich und sein Leben ehrlich auf Substanz zu überprüfen – ohne Bedingung und ohne die Antwort schon vorweg zu nehmen. Der zu werden, der man ist, heißt, sich die Frage nach Wahrheit und nach Illusion zu stellen. Nach Wesentlichem und Unwesentlichem. Es heißt, sich auf den Weg zu machen und Entscheidungen zu treffen, dort, wo Entscheidungen notwendig sind. Entscheidungen für ein wesentliches Leben. Dies bedeutet, bereit zu sein, in die Veränderung zu gehen. Ob Veränderung bedeutet, dass Sie die Situation verändern oder Sie sich von der Situation trennen – dies können nur Sie entscheiden.
Nur Sie können wissen, welche Konsequenzen Sie zu ziehen haben. Finden Sie heraus welche diese sind. Sie sind frei, in dem was Sie tun. Bedenken Sie nur, dass, solange Sie in Situationen verharren und an Situationen festhalten, die Ihrem Wesen widersprechen, solange werden Sie auf dem Weg zu sich selbst nicht wirklich vorankommen.


Solange Sie sich im Außen vor der Wahrheit scheuen, solange werden Sie auch Ihre innere Wahrheit nicht wirklich finden.

 


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