"Wenn man einen Riesen sieht, so untersuche man zunächst seinen eigenen Stand- und gebe acht, dass man nicht am Boden liegt. Ähnliches gilt, wenn man meint einen Zwerg vor sich zu haben. Ratsam ist es in jedem Fall, schnellstens auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen
– nicht nur für die eigene Gesundheit."

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Innere und äußere Realitäten.

20.11.2011

In meinen Vorträgen über Burnout werde ich häufig gefragt: "Was kann man in einem Konflikt tun, wenn sich das Gegenüber nicht ändert? Wo kann man denn überhaupt ansetzen, wenn die äußere Situation gleich bleibt? Bleibt nicht dann als einzige Möglichkeit zu gehen?" Ich möchte diese Frage aufgreifen und als Anlass für folgenden Artikel nehmen, in dem ich einen der zentralen Punkte von Stressentstehung – und dementsprechend auch gleichzeitig den seiner Bewältigung – kurz aufgreife:
Den Punkt der subjektiven Bewertung.

Die subjektive Bewertung ist maßgeblich an der Entstehung von Stress beteiligt.

Es sind niemals allein die äußeren Umstände, die zu einem Stresserleben führen, sondern es ist immer auch die innere Realität, aus der heraus die äußere Situation bewertet wird. Die innere Realität meint nichts anderes als die innere, häufig unbewusste Welt des Menschen, die sich aus den Erfahrungen speist, die er in seinem Leben gemacht hat. Anhand dieser Erfahrungen bewerten wir unsere Umwelt. Stress kann erst in dem Moment entstehen, in dem ich zu dem Entschluss gekommen bin, dass die Situation eine Bedrohung für mich darstellt und ich über keine ausreichenden Kompetenzen verfüge, sie zu lösen.

Erst meine Beurteilung der Situation führt zu einem Stressgeschehen – nicht die Situation an sich.

Doch was macht die Beurteilung aus? Was in uns führt zu einer positiven und was zu einer negativen Bewertung? Ab wann habe ich das Gefühl, dass ich gegen meinen Kollegen nicht ankomme? Mit meinem Chef ist nicht zu reden? Mein(e) Partner(in) versteht mich nicht? Die Situation, in der ich mich befinde, ist unaushaltbar und nicht zu lösen?

Es sind die bewussten und unbewussten Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben, die uns in unserem Denken, Fühlen und Handeln geprägt haben und aus denen heraus wir unser Umfeld bewerten.

Prägende Erfahrungen finden vor allem in den ersten Jahren des Lebens innerhalb des Elternhauses statt. Dabei sind es viel weniger einzelne Situationen, als vielmehr die tägliche Atmosphäre, die wir erlebt haben und in der wir aufgewachsen sind. Die äußere Realität unseres Elternhauses ist die Normalität, die wir lernen, nach der wir uns richten und die wir als "die" Realität irgendwann verinnerlichen – solange, bis wir sie hinterfragen und eine eigene entwickeln. Je nachdem, wie nun unsere Erfahrungen sind, gehen wir in die Welt und bewerten diese entsprechend. Dabei wirken sich sowohl positive wie negative Prägungen auf das Erleben der gegenwärtigen äußeren Realität aus. Die Möglichkeiten dabei sind vielfältig wie der Mensch individuell ist. Macht ein Mann in jungen Jahren z.B. die wiederholte negative Erfahrung eines ihn mit Schweigen strafenden Vaters, dem er hilflos ausgeliefert ist, so wird ihn dies für seine spätere Beziehungsgestaltung prägen. So werden Situationen mit einem vielleicht etwas schweigsameren Gegenüber, vielleicht etwas wortkargen Chefs oder Kollegen in unbewusster Erinnerung der alten Ohnmacht, vorschnell als belastend erlebt und in Auseinandersetzungen als für ihn aussichtslos.

Oder aber eine Frau erfährt in frühen Jahren stete Selbstbestätigung durch Übernahme von Verantwortung für die Familie. Sie wird sich in dem Erleben dieser positiven Erinnerung, aus der längst die Selbstdefinition "ich bin für andere da" entstanden ist, später Situationen mit eben solchen Möglichkeiten suchen. Nicht selten sind diese Menschen gern gesehene Kollegen und Mitarbeiter. Sie übernehmen gerne Verantwortung, sind überall einsetzbar und durchaus belastbar- die Schwierigkeit, mit denen diese Personen zu kämpfen haben, ist die Schwierigkeit, für sich selbst zu sorgen und Grenzen zu ziehen. "Nein" zu sagen erscheint für sie nicht möglich. Situationen werden immer wieder so erlebt und bewertet, dass eine Abgrenzung nicht gegeben zu sein scheint, wo andere schon längst die Grenze gezogen hätten.

So haben wir alle unsere bewussten und unbewussten Erfahrungen, die uns in unserer Lebensgestaltung prägen. Sie entscheiden darüber, wie wir die Situation, wie wir unser Gegenüber und vor allem, wie wir uns selbst bewerten. Je unbewusster wir sind, können sie zur ständigen selbsterfüllenden Prophezeiung unserer Vergangenheit werden, richtungsweisend die gegenwärtige äußere Realität überlagern- und nicht selten zum Hemmnis der Gegenwart werden.

"Ach wie gut das niemand weiß, dass ich
Rumpelstilzchen heiß…"

Ja, was können Sie tun, wenn sich das Außen nicht ändert? Was können Sie tun, bevor Sie anfangen, über mögliche Konsequenzen – Verlassen der Situation – nachzudenken?
Können Sie etwas tun?
Ja. Das können Sie.

Sie könnten zunächst den Blick auf sich richten und sich fragen, wie Sie zu der Bewertung Ihres Gegenübers kommen. Sie könnten den Blick auf sich richten und sich Folgendes fragen: Warum bewerte ich die Situation und mein Gegenüber, so wie ich es tue? Aus welchem Grund verhalte ich mich, wie ich mich verhalte? Was genau verursacht mein inneres Befinden? Liegt dies wirklich in der äußeren Realität begründet oder ist es vielmehr Ausdruck meiner inneren Realität, die ich auf das Außen projiziere? Befinde ich mich möglicherweise in einem mir bekannten Muster?

Dies könnten Sie sich fragen, in dem Wissen, dass, wenn innere Realitäten als eben solche "entschlüsselt" werden, es nicht selten zu einer Entdramatisierung der äußeren Realität führt, die, obwohl sie dieselbe bleibt, dann nicht mehr dieselbe ist.

2 Kommentare

  1. Trixie am 25.12.2011 um 04:00 Uhr

    That insight solves the problem. Thanks!

  2. Gudrun Behm-Steidel am 31.05.2013 um 11:03 Uhr

    "Erst meine Beurteilung der Situation führt zu einem Stressgeschehen – nicht die Situation an sich."
    Eine oft zitierte Aussage, die Sie mit diesem Blogbeitrag sehr nachvollziehbar erläutern. Danke!


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