Schlechtes Krisenmanagement basiert vor allem auf einem: auf der tiefen Minderwertigkeit des Agierenden und der sich darauf gründenden Panik zu versagen. Eine Panik, die häufig als innere Gewissheit, am Ende zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

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Authentizität.

15.01.2012

In den letzten Tagen wurde zu gegebenem Anlass einmal mehr der Ruf nach Authentizität laut.
Ich war ein wenig verwundert, als ich diesen vernahm - nicht ob der Forderung an sich,
ist Authentizität doch auch die Grundvoraussetzung jeder erfolgreichen Führungskraft oder Staatsoberhaupts.
Verwundert war ich über den Zeitpunkt der Forderung.
Ist die Person, von der nun Authentizität verlangt wird, nicht dieselbe, wie zu dem Zeitpunkt ihrer Ernennung?

Doch nicht nur im Bereich der Politik:
Authentizität meint nichts anderes, als der zu sein, der ich bin

Was soll ein Mensch tun?
Niemand wird über Nacht zu dem, der er ist.
Und vorallem dann nicht, wenn er es möglicherweise gar nicht will.
Nach Auffassung der Psychologie liegt nichtauthentischem Verhalten in den meisten Fällen eine ausgeprägte Minderwertigkeit zugrunde und eine damit verbundende Selbstüberzeugung „nichts zu sein“.
Die Erzählung von Narziss verdeutlicht das Ausmaß dieser Minderwertigkeit und beschreibt, wie die Welt unter der Suche nach dem eigenen Wert zu einem einzigen Spiegel für Glanz und Bewunderung verkommt. Die Psychologie wählt für dieses, meist unbewusste Phänomen, den bekannten Begriff des Narzissmus.

Die Tragödie des Narzissten

wird im folgendem Bild deutlich: In dem Moment Narziss, entzückt von seinem Spiegelbild, diesmal auf dem Wasser eines Sees, plötzlich das tiefe Bedürfnis verspürt, sich zu berühren, beugt er sich nach vorne, seine Hand berührt die Wasseroberfläche - und sein Spiegelbild zerfällt zu nichts.
Dies ist das eigentliche Drama des Narzissten:
Die tiefe Überzeugung, nichts zu sein und die daraus entstehende Furcht, mit sich selbst in Berührung zu kommen.
Die Furcht sitzt häufig so tief, dass der Narzisst alles dafür tut, diese Berührung zu vermeiden- gleichermaßen er seinen Wert und Identität nun verzweifelt im Außen sucht.
Bleibt man bei der Parabel des zerfallenen Spiegelbilds und überträgt dies auf das alltägliche Leben eines Narzissten, so  kämpft dieser in der Flucht vor sich selbst ständig um sein eigenes Überleben.
Sein rastloser Alltag unterliegt dem Gesetz der schizophrenen Unmöglichkeit:„Ich muss mich und die Welt von dem Gegenteil dessen überzeugen, was ist:
Ich bin ein Nichts.“
Wie vermag nun eine Person auf diesem Boden der inneren Überzeugung „Ich bin nichts“ besonnen sein Leben oder gar eine Krise meistern? 
Kann so jemand authentisch sein?

Jeder, der nicht dazu in der Lage ist, das zu sagen, was er meint und zu meinen, was er sagt, wird seine Gründe dafür haben. Diese liegen manchmal im bewussten Vorsatz und nicht selten in einer unsicheren Persönlichkeit und fehlenden inneren Identität.
Integrität und Charakterstärke zeigen sich vor allem in Krisensituationen - und nur selten auf dem Boden eines schwachen Selbstwerts.
So basiert schlechtes Krisenmanagement vor allem auf einem: Auf der tiefen Minderwertigkeit des Agierenden und der sich darauf gründenden Panik zu versagen. Eine Panik, die häufig als innere Gewissheit am Ende zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

Fazit

Authentizität ist Grundlage für ein erfolgreiches, gesundes und zufriedenes Leben.
Und natürlich ist sie auch notwendige Grundlage für erfolgreiche Führung, ist sie doch Ausdruck von dem, was wir unter Persönlichkeit und Charakter verstehen und hoffend mit Integrität verbinden.
Vom Himmel fallen diese Werte jedoch nicht.
Sie sind, je nach individuell biographischer Prägung, häufig erst Ergebnis harter Arbeit an sich selbst.
Harte Arbeit der Selbstreflektion, Konfrontation und notwendigen Veränderungen. Eine Auseinandersetzung nicht nur mit den eigenen Stärken, sondern vor allem auch mit den eigenen Schattenseiten, eine Arbeit, die viele scheuen und häufig erst dann beginnen, wenn die Krise bereits da ist.

Esel, Rennpferd oder was auch immer

Einem armen Esel vorzuwerfen, dass er kein Rennpferd sei, nachdem man sich,
in welcher Situation, und warum auch immer, für ihn oder sie, entschieden hat, ist zwar vor dem Hintergrund des Ärgers über die eigene Täuschung oder faule Kompromissbereitschaft verständlich- aber ist es auch gerechtfertigt?

Und vor allem - ist es hilfreich?


Wo bleibt der Blick auf sich selbst?

Wäre es nicht in jeder  Entscheidungssituation des Lebens für alle Beteiligten zielführender, von Beginn an die Grundvoraussetzungen zu verlangen, die Sie persönlich für notwendig halten-
anstatt sie im Nachhinein als selbstverständlich einzufordern?
Rechtzeitiges und konsequentes Einfordern von Notwendigkeiten - auch bei sich selbst?
Nicht nur mit dem Ziel, menschliche wie wirtschaftliche Reibungsverluste so gering wie möglich zu halten, sondern auch als Ausdruck von eigener Authentizität und Charakter?
Wäre es nicht für alle Beteiligten zielführender, den Anfang – und nicht erst das Ende - mit Notwendigkeiten zu beginnen?
Im Großen, wie im Kleinen.
Im Allgemeinen, wie im Persönlichen.
Für die Situation einer Führungskraft, für die Situation eines Mitarbeiters, für die Situation in der Partnerschaft oder für die Situation eines politischen Amtes:

zumindest beginnen mit den notwendigen Selbstverständlichkeiten wie
Authentizität, Integrität und Charakter?

3 Kommentare

  1. E.S. am 16.01.2012 um 14:31 Uhr

    Sehr guter text. Aktuell und nachdenklich stimmend.

  2. Michael am 16.01.2012 um 18:07 Uhr

    Der Blick auf sich selbst, also die Reflektion, ist ebenso eine Frage des guten Stils und Verantwortung, die jeder innerhalb unserer Gesellschaft tragen sollte. Das fängt nicht nur beim Bundespräsidenten an. Wie verheerend wäre es, wenn unser gesellschaftliches Wertesystem von Narzissten, Manipulieren und Lügnern dominiert würde, die nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind.
    Somit verlangt es nach "gesunden (Führungs) - Persönlichkeiten", damit ein gesundes Wertesystem erhalten bleibt und weiterhin eine Chance hat.
    Da muss jeder mithelfen !

  3. Gast am 16.01.2012 um 20:11 Uhr

    ...dem kann ich nur zustimmen. Die sogenannten "Reibungsverluste" durch Narzissten sind immens. Ich kann ein Lied davon singen.


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